Gute Aussichten für die Bildung – Anmerkungen zum grün-roten Koalitionsvertrag

Ein “neues Politikverständnis” bescheinigt die “ZEIT” dem Bildungsteil des Koalitionsvertrags und zitiert Sylvia Löhrmann: “Radikalmaßnahmen von oben verordnet funktionieren nicht.” Was Schulpolitik kann: Sie kann “ermöglichen”, unsinnige Barrieren abbauen, Freiräume schaffen, sie kann Schulen und alle an ihr Beteiligten stärken. Sie kann auch Visionen formulieren, wie etwa im folgenden Satz: “Deshalb verstehen wir Schulen nicht nur als vielseitigen Lern-, sondern auch als anregungsreichen Lebensort, den eine Kultur der Wertschätzung und Ermutigung prägt.” Verordnen kann sie solche Visionen nicht.
Für die aktuelle Diskussion um den Schulentwicklungsplan der Stadt Gelsenkirchen ist vor allem der Abschnitt “Wir ermöglichen längeres gemeinsames Lernen” hoch interessant. Leicht überlesen wird etwa der Satz: “Die Aufgabe des gemeinsamen Lernens stellt sich allen Schulen. Also auch die Gymnasien müssen”alle einmal aufgenommenen Schülerinnen und Schüler zu einem Abschluss führen.” Wenn jetzt jemand also den “gymnasialen Standards” nicht genügt, ist das in erster Linie ein Problem für die Schule. So etwas wird natürlich sehr am elitären Selbstverständnis der Gymnasien kratzen.
Entscheidend ist dann folgender Satz: “Wir werden die zahlreichen Initiativen zur Gründung von Gesamtschulen unterstützen und den in den letzten fünf Jahren neugegründeten Gesamtschulen den Ganztag und den Gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderungen schnellstmöglich genehmigen.”
Diesen Satz (und diese neue Landesregierung) gab es noch nicht, als der Entwurf des Schulentwicklungsplans vorgelegt wurde, und infolgedessen ist zum Beispiel für den Stadtteil Hassel vorgesehen, dass die Realschule an der Michaelstraße bestehen bleibt und “in Kooperation mit der Hauptschule Eppmannsweg diese als Außenstelle” führt. Da ist eine Hauptschule, die auf Grund rückläufiger Schülerzahlen einfach nicht mehr überlebensfähig ist, und eine Realschule, der bald dasselbe Schicksal droht, da verlässt mehr als die Hälfte der Grundschulabgänger nach dem 4. Schuljahr den Stadtteil, weil es anderswo (in Buer, in Horst, auch jenseits der Stadtgrenzen) attraktivere Bildungsangebote gibt. Der ganze Wahnsinn des dreigliedrigen Schulsystems zeigt sich hier darin, dass die Stadt gezwungen war, eine solche unmögliche Hilfskonstruktion vorzusehen. Gut, dass sich diese Zeiten geändert haben, gut dass nunmehr keine schulrechtlichen Hindernisse im Wege stehen, die für Hassel einzig vernünftige Lösung zu realisieren: Die Zusammenführung der Realschule und der Hauptschule zu einer Gesamtschule.
In Hassel ist seit längerem eine Arbeitsgruppe Schulentwicklung tätig, die an einem Konzept für eine solche im Stadtteil verankerte Gesamtschule arbeitet und eine entsprechenden Antrag an der Rat der Stadt eingebracht hat. Wir Grünen sollten diese Initiative nach Kräften unterstützen: Bürgerantrag

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PaulHumann ist Mitglied des Kreisvorstandes. Mitbegründer der Gesamtschule Berger feld (1969). Zuletzt Gesamtschulleiter in Essen-Borbeck (bis 1999). Seitdem Pensionär im Unruhestand

2 Kommentare

  1. Malte sagte am  August 15th, 2010   10:05

    • Das „Integrierte interkommunale Zitat”Stadterneuerungsprogramm“, durch das Hassel nach der Schließung der Grundstoffindustrie und dem damit verbundenen Verlust an Ausbildungs- und Arbeitsplätzen neue Entwicklungsimpulse erhalten soll, be-tont ausdrücklich die Bedeutung der Bildungsförderung im Sinne einer breiten Verbesserung der Bildungschancen und der Bildungsabschlüsse. Hierin ist geradezu ein Schlüssel für die Wiederbelebung des Stadtteils zu sehen”

    Das IIHK ist für Hassel doch so gut wie gestorben!

    Des weiteren würde mich interessieren, wo da der “Schlüssel” liegt! Junge Menschen mit gutem Abschlüssen ziehen wohl eher aus Hassel weg!

  2. PaulHumann sagte am  August 15th, 2010   12:47

    Natürlich, die Arbeitsplätze im Bergbau und in der Energiewirtschaft sind weg und kommen auch nicht wieder. So what? Neue Arbeitsplätze entstehen, wenn überhaupt, im Dienstleistungsbereich, in kleinen Handwerksbetrieben, zum Teil im Einzelhandel. In erster Linie entstehen solche Arbeitsplätze dort, wo gut ausgebildete junge Menschen vorhanden sind. Bildung für sich genommen schafft noch keine neuen Arbeitsplätze, aber sie schafft die wichtigste Voraussetzung dafür, dass neue Arbreitsplätze entstehen.

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