Grüne Jugend gegen Handymusik

Jeder hat bestimmt schon erlebt, wie eine schön ruhige Bahnfahrt plötzlich durch laute Musik aus dem Nachbarabteil gestört wird: Oft will eine Gruppe Jugendliche nicht auf ihre Musik verzichten und “beglückt” auch gleichzeitig alle anderen Reisenden mit der Musik. Wenn man nicht den Mut hat, sich hier entgegen zu stellen, muss man entweder mit der Musik leben, umziehen oder selber die Ohrstöpsel herausholen. Und nicht nur in der großen anonymen Bahn ist dies der Fall, sondern auch in Bussen, wo Busfahrer eigentlich die Möglichkeit hätten auch direkt einzugreifen.

Dies hat auch die Grüne Jugend geärgert, die daraufhin einen offenen Brief an Bogestra und Deutsche Bahn geschickt hatte:

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir, die Grüne Jugend Gelsenkirchen – Jugendorganisation der Partei Bündnis 90/Die Grünen – zählen zu unseren wichtigsten Zielen unter anderem einen modernen Klima- und Umweltschutz, eine dementsprechende Verkehrspolitik weg von den Straßen und die freie Entfaltung jedes Einzelnen in einer selbst bestimmten Bürgergesellschaft. Sie – die Betreiber von ÖPNV und Fernverkehr auf der Schiene – könnten diesbezüglich somit eigentlich mit unserer festen Unterstützung in allen Bereichen rechnen, da Ihnen eine wichtige Position bei der Verwirklichung unserer Ziele zukommt: die Bahn / der ÖPNV als umweltfreundliches und klimaschonendes Verkehrsmittel garantiert die Mobilität vieler Bürger, die das Autofahren der Umwelt zuliebe reduzieren wollen oder keinen eigenen PKW besitzen. Da Letzteres gerade für Jugendliche, unsere Zielgruppe, gilt, sind diese auf besondere Weise davon abhängig, dass ihnen mit Bahnverkehr und ÖPNV eine verlässliche und bequeme Reisemöglichkeit zu Verfügung steht.

Über Verspätungen, Servicemangel und Kostenexplosion in ÖPNV und Bahnverkehr ist in der vergangenen Zeit allerorten nahezu ohne Unterlass geklagt worden – um so bezeichnender, dass uns als Bahnkunden im Zusammenhang mit Bus- und Bahnfahrten an erster Stelle ein ganz anderes Übel einfällt, welches jedem Ihrer Kunden leider zu Genüge bekannt sein wird: seit wenigen Jahren vermehrt sich die Anzahl der rücksichtslosen Fahrgäste, die allen anderen ihre laute Musik aufzwingen, stetig. Dennoch scheint niemand etwas gegen diese Plage, die sicherlich nicht viele Ihrer Kunden dazu bewegt, öfter als ansonsten nötig auf den PKW umzusteigen, unternehmen zu wollen oder zu können: Von Seiten der Mitreisenden darf sicherlich nicht erwartete werden, dass sie gegen Krawallmacher und Störenfriede vorgehen, wenn in den Medien immer wieder von Gewalttaten im Anschluss daran, dass jemand in Bus und Bahn dahingehend Zivilcourage bewiesen und die Tontäter auf ihr Fehlverhalten angesprochen hat. So fühlt sich klassischerweise jeder gestört, aber niemand wehrt sich dagegen. Aber auch von Ihnen – den eigentlich verantwortlichen Betreibern – kommt erstaunlich wenig Initiative, das Problem im eigenen Interesse zur Zufriedenheit der Kunden zu beseitigen: noch nicht einmal Fahrkartenkontrolleure oder Bahnhofspersonal machen sich die Mühe, ihr Hausrecht wahrzunehmen und die entsprechenden Personen in die Schranken zu weisen – zum Leidwesen all Ihrer sich rücksichtsvoll verhaltenden Kunden.

Da sich jedoch leider nicht jedes Mitglied unserer Gesellschaft aus eigenem Antrieb heraus nach dem Leitsatz Die Freiheit eines jeden endet dort, wo die das anderen beginnt verhält, sind die Verkehrsbetriebe dazu verpflichtet, dafür Sorge zu tragen, dass sich ihre Kunden zu jeder Zeit sicher und ungestört fühlen können. Es kann und darf schon aus gesundheitlichen Gründen nicht sein, dass die Fahrgäste in öffentlichen Verkehrsmitteln dazu gezwungen werden, diese für Vielfahrer ernsthaft belastende Belästigung Tag für Tag zu erdulden oder sogar dazu genötigt sind, selbst laut Musik zu hören, um den Lärm der Mitreisenden wenigstens ansatzweise zu übertönen.

Die alltägliche Fahrt zu Arbeitsplatz, Schule oder Universität ist für viele Ihrer treusten Kunden aufgrund der massiven Lärmbelästigung durch Handymusik und in die Umgebung abstrahlende Kopfhörer längst zur Tortur geworden. Diese Zustände sind für die Grüne Jugend Gelsenkirchen und auch für einen Großteil der Bahn- und ÖPNV-Kunden unzumutbar. Aus diesem Grund fordern wir Sie hiermit auf, ihre Verantwortung als Betreibergesellschaften endlich angemessen wahrzunehmen und die Lebensqualität Ihrer Kunden nicht weiter durch das indiskutable Verhalten Weniger beschneiden zu lassen, denn es ist die Pflicht eines jeden Dienstleisters, die psychische und physische Gesundheit seiner Kunden bestmöglich zu schützen.

Wir haben Verständnis dafür, dass Finanzmittel gerade im Bereich des ÖPNV bedauerlicherweise stark begrenzt sind: dennoch muss es möglich sein, dafür zu sorgen, dass sich eine größere Zahl Ihrer Mitarbeiter dafür einsetzt, die Lärmbelästigung der Reisenden möglichst gering zu halten. Es muss klare Anweisungen gehen, auf die beschriebene Weise auffällig gewordene Fahrgäste dazu zu bewegen, ihr Fehlverhalten einzustellen und diese bei Missachtung dieser Aufforderung des Fahrzeuges zu verweisen.

Eindeutige Verbotsschilder in den Fahrzeugen und am Bahnhof mit dem Hinweis darauf, dass für andere Fahrgäste mithörbare Musik nicht geduldet wird, wären ein erster Schritt in die richtige Richtung, da auf diese Weise sowohl den belästigten Mitreisenden als auch Ihren Mitarbeitern eine erste Handhabe, gegen die Störer vorzugehen, gegeben wäre.

Die Grüne Jugend Gelsenkirchen will dafür ihrerseits ihr Handlungspotential ausnutzen und auf ihre Art mit dem Problem umgehen, indem sie in der nächsten Zeit auf Bus- und Bahnlinien in Gelsenkirchen und dem restlichen Ruhrgebiet Aktionen gegen die Belästigung der Fahrgäste durch laute Musik durchführen wird. Hierbei soll den Tätern ihr Fehlverhalten bewusst gemacht werden, indem die Mitglieder der Grünen Jugend ausnahmsweise und kurzfristig selbst ihre Handys dazu benutzen werden, neben den Störern laute Musik – aus Rücksicht auf die Ohren weiterer Mitreisender zur Abwechslung nicht Bushido und King Orgasmus One, sondern Klassik und Kindermusik – abzuspielen. Wir werden zudem mit den übrigen Fahrgästen in einen kommunikativen Austausch zu treten versuchen und diese mit Informationen ausstatten, wie man sich am besten effektiv und auf die eigene Sicherheit bedacht gegen störende Personen zur Wehr setzt.

In der Hoffnung auf eine baldige Besserung

Ihre Grüne Jugend Gelsenkirchen

Offener Brief als PDF Datei

Weitere Informationen zur Aktion folgen in Kürze hier unter gruenes-gelsenkirchen.de.

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